Das Babirusarennen

Eine Kurzgeschichte aus Waldheim in zwei Teilen – (unveröffentlicht und unlektoriert)

Zärtlich streichelte Kimu Grita über den borstigen Kopf, was sie mit einem wohligen Grunzen erwiderte. Die Babirusadame gehörte ihm nicht, sondern der alten Bäckerin Oschta. Doch Oschta war nicht mehr ganz helle im Kopf und so erzählte er ihr die Story vom Pferd, oder in diesem Fall, die Story vom Babirusawildschwein.
Wie zuvor viele Male, fragte Kimu die alte Bathanerin, ob er Grita etwas ausreiten dürfe, was sie mit einem schielenden Blick und einem dümmlichen Grinsen, nickend bejahte.
Zum Glück wusste Oschta in ihrer Verwirrtheit nicht, dass heute das Babirusarennen in der Geruhschlucht stattfand. Bei dem Rennen nahmen die drei bathanischen Stämme aus Waldheim teil – der Moklim-Stamm aus dem Parumoor, der Linlin-Stamm aus dem Keakemoor und der Itsib-Stamm aus dem weit entfernten Bambumoor. Die besten Babirusas traten gegeneinander an, oder ehrlich gesagt, die Wildschweine, die Lust dazu hatten, einigermaßen zielstrebig durch die Schlucht zu rennen und nicht am nächstbesten Strauch hängen blieben, um dessen Beeren zu verputzen. Das erste Tier, das durch das Ziel am Ende der Schlucht schritt, bekam ein Festmahl mit frischem Obst aufgetischt und der oder die Besitzerin des Reittieres, erhielt einen neuen, handgefertigten Reitsattel für das Babirusaschwein. Übrigens, dass keines der Tiere am Ziel ankam, war die häufigste Variante.
Kimu führte Grita behutsam aus dem bathanischen Dorf, hinaus in Richtung Geruhschlucht. Immer wieder wurde er von gutgelaunten Dorfbewohnern überholt, die es sich nicht nehmen ließen, eine abfällige Bemerkung über ihn und Grita zu machen. Kimu wusste von seiner Tollpatschigkeit und seinem Hang zu schrillen Farben, doch warum kümmerte es die anderen Bathaner, dass er seine Lederweste in blau und orange gefärbt hatte und Grita rosa Schleifchen um die Ohren trug? Ein bisschen mehr Farbe würde seine Stammesgenossen nicht schaden, überlegte Kimu naserümpfend.
Nicht immer nur diese lederbraunen Westen und lederbraunen Mokassins, lederbraune Taschen, beigefarbene Hosen, schwarze Peitschen, maronenfarbene Armbänder, holziger Ohrenschmuck. Das Leben konnte so bunt sein, warum erkannten die anderen das nicht?
»Autsch!«, jaulte Kimu auf, als er über eine dicke Wurzel stolperte und hinfiel. Grita grunzte laut. Fand sie das etwas witzig? Skeptisch sah er die Wildsau an, worauf hin sie ausdruckslos mit dem voluminösen Hintern wackelte.
»Na, komm, Grita.«, sagte Kimu, nachdem er sich aufgerappelt hatte. »Wir haben ein Wettrennen zu gewinnen!«
Voller Elan schwang er sich auf den Rücken der Babirusadame und wäre auf der anderen Seite wieder heruntergestürzt, wenn er sich nicht im letzten Moment an Gritas Mähne festgehalten hätte, was sie mit einem säuerlichen Grunzen quittierte. Nach einem gemurmeltem Entschuldigung und ein Blick über die Schulter, ob ihm jemand dabei beobachtet hatte, setzte Kimu sich in Bewegung.
Das Gelände wurde weiträumiger und der Boden härter. Sie hatten das Moor hinter sich gelassen und konnten das letzte Stück zur Schlucht reiten. An der Geruhschlucht angekommen, stellte Kimu fest, dass es doch keine gute Idee gewesen war, geradewegs darauf zuzureiten. Nun blickte er skeptisch in die Tiefe und konnte die Festbesucher schemenhaften in dem schmalen Tal erkennen, die, von hier oben, wie umherwuselnde Ameisen aussahen. Er selbst war ein grauenhafter Kletterer und mit Grita, wäre der Abstieg ein Ding der Unmöglichkeit. Also wandte er sich seufzend ab und ritt Richtung Anfang der Schlucht, um von da aus sein Glück zu versuchen.
Zwei Stunden später, kam Kimu schnaufend unten im Tal an. Der Abstieg, am Ende der Geruhschlucht, hatte es in sich, sodass er diesen zu Fuß beschreiten musste. Die Babirusadame meisterte den schmalen Pfad jedoch mit einer Souveränität, die man so einem Koloss, mit wackelndem Hintern, gar nicht zugetraut hätte.
Am Rand der Schlucht positionierten sich bereits die Schaulustigen zwischen den Marktständen, an denen allerlei Leckereien von gegrillter Doringesschlange, bis hin zum beliebten Cleamonsaft, der einen gehörig die Sinne vernebelte, angeboten wurden.
»Jetzt aber los!«, wisperte Kimu Grita ins Ohr und kraulte sie aufmunternd. So schnell er konnte, führte Kimu sie an den Start, wo bereits weitere acht Babirusas gelangweilt dastanden. Als die Zuschauer Grita mit ihrem rosa Schleifchen sahen, schmunzelten einige oder machte gar höhnische Bemerkungen.
»Hey Kimu, hast du deinem Babirusa heute auch schön die Borsten gebürstet?«, grölte ein junger Bathaner und lachte überheblich.
Kimu drehte sich zu seinem Stammesbruder um und fixierte ihn mit zusammengekniffenen Augen.
»Nein, mein lieber Reno. Aber dafür deinem Vater und ihm hat’s sehr gefallen.«
Wenn ihm seine verstorbene Mutter eines beigebracht hatte, dann immer Kontra zu geben.
Der andere Bathaner fletschte die Zähne und kam einen Schritt auf ihn zu. Kimu legte die rechte Hand an Gritas Flanke und sah Reno gelassen an, darauf hoffend, dass sein Gegenüber sein Zittern nicht bemerkte.
Reno wusste, dass er hier keine Schlägerei anfangen durfte. Auch wenn jeder Bathaner sich in Selbstverteidigung und dem Umgang mit der Peitsche üben musste, war es oberster Kodex, Gewalt nicht leichtfertig einzusetzen, und schon gar nicht unter seinesgleichen.
»Wir sprechen uns noch!«, drohte Reno stattdessen und stampfte davon.
Kimu schüttelte ungläubig den Kopf über so viel Dummheit. Das würde ein Nachspiel haben.
Erschrocken horchte er auf, als die Trommel ertönte, die den baldigen Start des Rennens einleitete. Kimu drückte sich und Grita durch die letzten Meter, was ihm weitere abfällige Bemerkungen einheimste und positionierte die Wildschweindame direkt hinter der Startlinie.
»Also Grita … «, flüsterte er ihr ins Ohr. »Niemand glaubt daran, dass du gewinnen kannst, aber ich weiß, du schaffst es. Und dann bekommst du leckeres Fressen und ich endlich einen neuen Sattel. Wer das was für uns?«
Die Wildsau sah ihn ausdruckslos an und wedelte mit dem Schwanz, ehe sie sich über die paar Grashälmchen am Boden hermachte.
Kimu verdrehte seufzend die Augen. Manchmal fragte er sich, was in so einem Babirusakopf vor sich ging.

Fortsetzung folgt …

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